Freitag, 31. August 2007

Barbara Stöckl: Harry Potter war gestern!

Die Themen Gott, Christus und der Satan kommen offenbar tatsächlich besser an als die mittlerweile abgeschmackte Esoterik, der Buddhismus im Westen, Sekten oder Selbstfindung à la New Age: das beweist der Verkaufserfolg des Buches "Wer braucht Gott". Die Gegenseite schläft nicht: Satanisten stehen im Zentrum des literarischen Gegenprojektes "Wer braucht den Teufel?". Ein unter seinem richtigen Namen gut bekannter österreichischer Literat hat sich das Pseudonym Carlo Voltini zugelegt, betrachtet es wie sein Vorbild Fernando Pessoa als eines seiner Heteronyme und veröffentlicht - mit Zustimmung von Suhrkamp - kapitelweise schon jetzt im Internet den Roman "Café Pentagramm". Papst Benedikt ist genauso entsetzt wie sein Wiener Erzbischof Christoph Schönborn: den "Wer braucht Gott" - Bestseller der beliebten österreichischen Fernsehmoderatorin Barbara Stöckl beantworten Suhrkamp und die linksliberale Szene offenbar mit einem ebenfalls als schon jetzt bestsellerverdächtig geltenden Satan- und Okkultismus - Roman: "Café Pentagramm". In diesem Buch geht es nur vordergründig um gescheiterte Existenzen, Ex - Buddhisten und Esofreaks - ein Schuss von Doris Dörrie und ihrem "Erleuchtung garantiert" - die neuerdings dem Wahn verfallen, der Satan sei der wahre Erlöser der Menschheit. In Voltinis Roman geht es im Grunde um die Suche der Menschen nach einem Erlöser - und wie sie sich verhalten, wenn falsche Erlöser rufen.

"Wer braucht Gott?" ist nach den jüngsten Verkaufszahlen des Salzburger "Ecowin"-Verlages das derzeit meistgewünschte Buch in Österreich. In der vergangenen Woche ging kein anderes Buch öfter über den Ladentisch als dieses, freut sich Verleger Hannes Steiner im Gespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur "Kathpress". Zuletzt seien etwa doppelt so viele Exemplare verkauft worden wie vom aktuellen "Harry Potter"-Band. Die erste Auflage von "Wer braucht Gott?" - 10.000 Exemplare - ist restlos ausverkauft, die zweite in Druck, die vorliegenden Vorbestellungen lassen laut dem Verleger eine weitere erwarten.

Das "meistverkaufte Buch in Österreich in der vergangenen Woche" ist etwa nicht "Harry Potter", sondern das Interviewbuch "Wer braucht Gott?", freut sich "Ecowin"-Verleger Hannes Steiner. Die ungewöhnliche Autorenkombination und das "Comeback des Glaubens" seien der Grund, glaubt Steiner.

Das Interviewbuch der TV-Moderatorin Barbara Stöckl mit Kardinal Christoph Schönborn "Wer braucht Gott?" entwickelt sich tatsächlich zum Bestseller. Kein Wunder, dass sich bei der Lektüre schon der ersten Kapitel die Frage aufdrängt: Wer braucht eigentlich den Satan? Wer braucht Gott - die berechtigte, heute tatsächlich in der Luft liegende titelgebende Frage des Interviewbuchs von Barbara Stöckl wird offensichtlich von vielen Menschen eindeutig positiv beantwortet - zumindest in dem Sinn, dass sie an einer anspruchsvollen Auseinandersetzung mit dieser Frage interessiert sind. Die Frage, die Carlo Voltini mit seinem ebenfalls schon jetzt als Bestseller geltenden Roman "Café Pentagramm" stellt, verunsichert eher, verstört und provoziert: Fürchtet der Vatikan den Teufel wirklich sosehr, dass er ihm Heere von Exorzisten gegenüberstellt? Wie "böse" sind die biederen Spinner eigentlich wirklich, die derzeit als die "Wiener Satanistenszene" schon fast so berühmt sind wie der "Wiener Aktionismus", dessen Roots - Figuren Josef Dvorak und Hermann Nitsch eine gewisse Nähe zu Ritualen und Gedanken haben und hatten, die die Kirche zu einer "Satanismusdiskussion" veranlassen könnten?

"Harry Potter war gestern" - das sagt sogar, in entscheidenden Fragen allerdings etwas anderer Meinung, der Vorstand der österreichischen Gnostischen Kultusgemeinde, der Wiener Orientalist und Mystiker Dr. Johannes Dokupil. Das Interesse der Menschen am Übersinnlichen führe, so Dokupil, auch zu regem Interesse an der Arbeit der Kultusgemeinde.

Unter dem Motto "Papstbesuch in Österreich - Satanisten machen mobil" lädt die Kultusgemeinde während des Besuches Benedikt XVI. zu einer Meditationswoche ins Café Pentagramm.

Der Dichter und Schriftsteller Carlo Voltini beantwortet - ohne selbstverständlich die ihm persönlich gut bekannte Barbara Stöckl angreifen oder diffarmieren zu wollen - die "Gott als Bestseller" - Aktion des Wiener Erzbischofs mit weiteren online gestellten Kapiteln seines Romans "Café Pentagramm". Voltini zeichnet darin Figuren, die an Robert Musil erinnern. Über Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften wurde einmal geschrieben: Musils Figuren gleichen einer Katatonikerversammlung auf dem Höhepunkt ihres Wahns.

Ähnlich die Figuren in "Café Pentagramm". Satanistenchef Dokupil wird die Maske abgenommen: "Dokupil war so tierliebend, dass bei der Schwarzen Messe jahrelang jene ausgestopfte Katze geopfert wurde, die ihm ein befreundeter Tierpräparator aus Baden bei Wien schon vor Jahren zum Geschenk gemacht hatte". Eines steht fest, egal, ob man es nun mit Christus oder mit dem Satan hält: Harry Potter war gestern.

Carlo Voltini arbeitet schon seit einiger Zeit an seinem Roman, der voraussichtlich Ende 2007 bei Suhrkamp erscheinen wird: "Café Pentagramm". Während die beliebte TV - Moderatorin Barbara Stöckl ein zweifellos gut gemachtes "Interviewbuch" herausgebracht hat, geht Carlo Voltini einen anderen, schwereren Weg: Voltini, der vor allem William Faulkner und Gabriel Garcia Marquez als seine literaischen Vorbilder bezeichnet, beleuchtet reale und fiktive Figuren, die auf ihrer Suche nach Erleuchtung, Religion oder Metaphysik skurrile Veränderungen an sich selbst erleben - oder zulassen. Da sind etwa die "Eheleute Lechner", die es einige Zeit bei den Buddhisten versucht haben und nun als Möchtegern - Satanisten in der "Gnostischen Kultusgemeinde" des gelernten Schriftsetzers Johannes Dokupil enden. Dokupil und seine schwer mystisch angehauchte Lebensgefährtin "Schwester Astarte" glauben mit derselben Inbrunst an den Satan, mit der Stöckl - Interviewpartner Kardinal Schönborn an Christus glaubt. Weder der hochgebildete, alternde Autodidakt Dokupil noch seine Lebensgefährtin, eine in Abendkursen zur Netzwerkadministratorin ausgebildete Ex - Prostituierte, bringen es übers Herz, "wirklich böse zu sein": Die geplante Opferung einer Jungfrau, immerhin eine Mordtat, mit hoher Grausamkeit auch noch verbunden, endet regelmäßig so, dass die jungen Dinger von den Dokupils wie Töchter aufgenommen und mit gutem Essen verwöhnt werden. Auf der Suche nach einer Reinkarnation erlebt die Wiener Satanistengemeinde noch abstrusere Dinge. Treffend schreibt "Literaturen", diesmal sogar den Wiener "Falter" zitierend: Ein Lesevergnügen aus Carlo Voltinis Romanwerkstatt, das so sarkastisch, andererseits passagenweise oft so wunderschön geschrieben ist, dass es nicht mehr als bloße bitterböse Posse durchgehen kann, sondern auf den zweiten Blick Weltliteratur ist.

"Café Pentagramm" ist aber auch ein über weite Strecken auf authentischen Erlebnissen und Rechercheergebnissen beruhendes Buch, das bisher unveröffentlichte Einblicke in die skurrile Welt der Schwarzen Magie erlaubt, das aber - ähnlich wie das seinerzeitige "Schwarzbuch Satanismis" - zum Widerstand gegen das Treiben obskurer Orden und Sekten aufruft; beeindruckende Literatur ist Voltinis Buch dann, so der "Falter", wenn die Personen und Figuren in ihrer ganzen Tiefe fast Robert - Musil - artig durchleuchtet, ihre seltsame Welt ironisch - liebevoll geschildert wird; ein Buch übrigens, das geschickt und stilistisch brillant, so der "Falter", Wahrheit, Realität und Fiktion vermischt. Die ersten zwei Kapitel stehen nach guter alter Umberto - Eco - Manier in Kürze zum kostenlosen Lesen und Downloaden im Internet. Voltini, der bei der Verfilmung von Umberto Eco's Roman "Der Name der Rose" als junger Fachmann für esoterische Fragen mitgewirkt hat und auch Helmut Qualtinger gut kannte, bezeichnet das "Foucaultsche Pendel" als eines jener Bücher, das ihn bei der Arbeit an "Café Pentagramm" am stärksten inspiriert hat.

Voltinis Roman beginnt mit dem berühmten Satz: "Der Monsignore erwartete mich." Dazu muss man wissen, dass die Begegnug zwischen dem Monsignore und Voltini im August 2007 in Rom tatsächlich stattgefunden hat.

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